Die Ikone

In der Ferne höre ich das Klicken von Stöckelschuhen. Die Tür öffnet sich, das Licht der Sonne tritt ein, und hier ist sie. Sie trägt beige Highheels, die ihre langen Beine zieren, eine weisse Bluse, die von einem dunkelblauen Jackett umhüllt wird, sowie einen passenden, dunkelblauen, knielangen Rock.

Was für eine Frau. Sie hat eine perfekte Körperhaltung und schulterlanges, goldbraunes Haar. Als unsere Blicke sich treffen, erscheint dieses vertraute, unglaublich schöne und selbstbewusste Lächeln auf ihrem Gesicht. Es ist ein ehrliches Lächeln, welches ihre Augen berührt. Sie sagt in ihrem makellosen Hochdeutsch: «Guten Morgen, wie schön, Sie zu sehen!» Es ist mir unmittelbar klar, dass dies aufrichtig gemeint ist. Ihre Anwesenheit trifft mich, sie trifft mich auf eine aussergewöhnliche Art und Weise. Ich sehe sie, ihren Stolz, ihren Mut und ihre Furchtlosigkeit.

Sie schüttelt meine Hand. Ich habe schon viele Hände geschüttelt. Oft handelt es sich dabei um einen unbedeutenden, flüchtigen Moment, doch nicht hier, nicht mit ihr. Es ist möglich zu glauben, ich sei verliebt, das bin ich keineswegs. Ich bin ihr verfallen, auf eine besondere Weise. Sie ist mein Vorbild, meine Ikone.
Das Tragen von Röcken bei der Arbeit erachte ich selbst als hinderlich, ach, wer weiss schon, warum ich das tue. Wird eine Frau mit Rock genügend respektiert? Sie stellt sich diese Frage nicht, sie braucht sie sich nicht zu stellen.

Ihre Präsenz stellt so manchen in den Schatten. Sie ist nicht sonderlich gross, und doch ist sie erhaben. Sie verfolgt klare Ziele, ich will mit ihr gehen, alle wollen mit ihr gehen. Sie gibt mir Hoffnung, Hoffnung auf eine Welt, in der Frauen brillieren, brillieren dürfen.

Ich will sein wie sie, ich will, dass andere sind wie sie. Sie braucht hier und jetzt keinen Namen, um zu sein, wer sie ist, wer sie ist für mich. Ich sehe sie, und sie sieht mich.

Valeria Cova

Über mich

Ich bin Schriftstellerin mit Hang zur Melancholie, zur Tiefe und zu Geschichten mit dunklen Schatten, Schatten, in denen es dennoch Licht gibt.