Das Kabinett

Ein Mann mittleren Alters liegt am Boden eines unscheinbaren Raumes. Er regt sich, kommt langsam zu sich und richtet sich auf. Verloren sieht er sich um.

Vor ihm steht ein schwarzer Mann. Als der Weisse ihn wahrnimmt, schreckt er zurück und macht einen Satz nach hinten. Der Schwarze erschrickt ebenso und weicht ebenfalls zurück.

«Wer bist du?» fragt der Weisse mit misstrauischem Ton. «Wer bist du?» fragt der Schwarze zeitgleich mit demselben Tonfall. Keiner antwortet.

«Was tust du hier? Hast du mich hierhin gebracht?» fragen sich beide gleichzeitig, anklagend und feindselig.

Sie starren sich fassungslos an. Dann schweift der Blick des Weissen nach links. Ein weiterer Mann steht dort, mit warmer olivfarbener Haut und mandelförmigen Augen. Wieder begegnen sich ihre Blicke voller Misstrauen. Rechts von ihm nimmt er einen weiteren Mann wahr, bronzefarbene Haut, farbenfroh gekleidet und mit Sandalen an den Füssen. Der Weisse dreht sich langsam im Kreis. Fassungslosigkeit ist seinem Gesicht deutlich abzulesen. Männer mit unterschiedlichen Hautfarben, Gesichtszügen, Kleidungen und Körperbehaarungen erscheinen um ihn herum. Einer nach dem anderen, bis sein Blick erneut beim Schwarzen verharrt.

Eine Ewigkeit vergeht.

Er holt tief Luft und schreit sein Gegenüber aus tiefster Kehle an. Die anderen tun es ihm gleich. Ein Vibrieren erschüttert den Raum. Er presst den Schrei bis zum letzten Ausstoss aus seinen Lungen. «Wer zum Teufel seid ihr?!» Voller Wut sieht er jeden von ihnen einzeln an. «Lasst mich in Ruhe, ihr verdammten Fremden! Geht zurück, wo auch immer ihr herkommt!» Wieder und wieder schreien sich die Männer gegenseitig an, stellen sich die gleichen Fragen und keiner gibt eine Antwort.

«Verschwindet! Ich hasse euch!» brüllen sie in den Raum. Stille kehrt ein. Erschöpfung und Angst stehen allen ins Gesicht geschrieben.

Ringend nach Luft und mit einer bitteren Träne in den Augen nähert sich der Mann mit ausgestrecktem Arm dem schwarzen Mann. Dieser tut es ihm gleich. Mit den Handflächen stossen sie aufeinander, doch unter ihren Händen spüren sie nicht die warme Haut des anderen, sondern eine glatte kalte Oberfläche. Eine Oberfläche wie Glas.

Mit grossen, verblüfften Augen sehen sie sich an.
«Wer bist du?» flüstert der Weisse.
«Wer bist du?» fragt der Schwarze.
Keiner antwortet.

Erkenntnis huscht über ihre Gesichter.
«Bist du… ich?», fragen sie sich.

Der Weisse dreht sich schnell zu den anderen Männern, sieht ihnen in die Augen, fragt sie einen nach dem anderen dieselbe Frage…

«Bist du ich?»

«Bist du ich?»

«Bist du ich?»

… und bekommt sie jedes Mal zurückgestellt.

Er sinkt zu Boden, vergräbt das Gesicht in den Armen und stützt sich auf die Knie. Er beginnt bitterlich zu weinen. Sein ganzer Körper bebt. Die Wucht seiner eigenen Worte, Blicke und Urteile trifft ihn wie ein Schlag.

Als er aufblickt, kauern auch die anderen Männer auf dem Boden. Sie sehen ihn mit geröteten und feuchten Augen an. Schnell senkt er wieder den Blick.
«Es tut mir leid», flüstert er.

Nach einer Weile richtet er sich, mit dem Arm abstützend, wieder auf und wischt sich die Tränen von den Wangen. Die Männer folgen ihm und richten sich genauso auf. Zum ersten Mal stehen sie sich auf Augenhöhe gegenüber.

«Es tut mir leid», wiederholt er leise.
«Ich sehe ein, wir sind alle eins.»

Valeria Cova

Über mich

Ich bin Schriftstellerin mit Hang zur Melancholie, zur Tiefe und zu Geschichten mit dunklen Schatten, Schatten, in denen es dennoch Licht gibt.